Unser Verein

Vereinsgeschichte der Turnerschaft 1886 e.V. Bischofsheim

Mit dem Gründungsjahr 1886 ist in Deutschland die allgemeine Industrialisierung verbunden. Aus Landmenschen wurden Industriearbeiter, der 12 Stunden Arbeitstag und die 6 Tage Arbeitswoche hielten Einzug in viele deutsche Familien. Freizeit und Freizeitgestaltung waren absolute Fremdworte. Aber auch in dieser Zeit wollten die Menschen ein klein wenig Abwechslung. Für ein paar wenige Stunden in der Woche heraus aus dem täglichen Einerlei. So gründeten sieben Bischofsheimer Bürger den Turnverein Bischofsheim. Diese Gründer waren, soweit es unsere alten Unterlagen beweisen können:

1. Andreas Grimm, Obergasse

2. Justus Reitz, Rumpenheimer Weg

3. Peter Rohrbach, Breulgasse

4. Peter See, Hintergasse (heute Alt Bischofsheim)

5. Jakob Wörner, Niedergasse

6. W. Fr. Reuhl, Fechenheimer Weg

7. Wilhelm Kaiser aus der Nachbargemeinde Hochstadt

Es können neben den Genannten noch weitere Bürger an dieser Gründung beteiligt gewesen sein, aber die vorhandenen Unterlagen über die ersten Jahrzehnte sind nur noch als Fragmente vorhanden.

Friedrich Wilhelm Jahn wird als der Begründer der Turnerei und der Leibeserziehung erklärt. Für das damals herrschende Kaisertum und dem damit verbundenen preußischen Militarismus kam diese neue Sportbewegung genau recht. Sehr skeptisch war die holde Obrigkeit jedoch den privaten Vereinen gegenüber, hatte man sie doch nicht direkt unter staatlicher Aufsicht und Kontrolle. In Deutschland liebte man nun einmal Recht und Ordnung . Als Vereinslokal diente das Gasthaus Zum grünen Baum . In der Hauptsache war die Turnerei nach dem Motto von Turnvater Jahn "Frisch, Fromm, Fröhlich, Frei" als Hauptziel des Vereins gewählt.

Aber schon im Jahr 1891 gab es für den erst fünf Jahre jungen Verein die ersten schweren Erschütterungen. Persönliche und vereinspolitische Auseinandersetzungen führten zur Spaltung des Turnvereins. In dem kleinen Bischofsheim wurde als zweiter Turnverein die Turngesellschaft von 1891 gegründet. Vermutlich waren politische Gründe für die Spaltung und Neugründung maßgebend. Man darf nicht vergessen, daß mit der Industrialisierung auch die Politisierung der Deutschen begann. Scheinbar fanden Auseinandersetzungen auch im Verein statt. Als Vorstandsmitglieder der damaligen Turngesellschaft fungierten:

Fr. Fritz (Vorsitz), B. Büchner (Kasse), Fr. See (Schriftführer), Aug. Jöckel (Turnwart).

Als Vereinslokal dienten der Turngesellschaft die Gaststätten Zur Krone , dann der Hessische Hof und später der Kaiser Friedrich (heute Dorfschänke). Trotz manchen Rivalitäten zwischen beiden Vereinen versuchte man auf beiden Seiten zu einem vernünftigen Nebeneinander zu kommen. So wurde im Jahr 1902 beschlossen gemeinsame Turnstunden durchzuführen. 1904 wurde sogar das Gauturnfest von beiden Vereinen durchgeführt.

Eine endgültige scharfe Trennung erfolgte 1907. Die Politik hatte scheinbar beide Vereine eingeholt und fest im Griff. Emotionen werden vermutlich eine entscheidende Rolle gespielt haben, denn aus weltanschaulichen Gründen trat die Turngesellschaft aus der Deutschen Turnerschaft aus und schloß sich dem Arbeiterturnerbund an. Der Turnverein hingegen verblieb in der Deutschen Turnerschaft . Austritte und Übertritte waren die Folge, die beide Vereine zu verkraften hatten. Es ist nicht bekannt wie stark die Mitgliederzahlen beider Vereine zum damaligen Zeitpunkt waren. Auch die Zahl der Übertritte ist unbekannt.

Der Arbeiterturnerbund und damit die Turngesellschaft wurden 1913 für politisch erklärt. Damit wuchsen die Schwierigkeiten noch weiter. Für viele mag das damalige Hick Hack vielleicht unverständlich erscheinen, aber in der damaligen Zeit gab es keinen Rundfunk, kein Fernsehen und die Presse war durch das Kaiserreich zensiert. Für viele Bürger waren daher die Vereine die einzige Möglichkeit sich zu artikulieren, Meinungen auszutauschen, Bekannte zu fragen wie die Arbeitswelt in anderen Betrieben oder Bereichen aussieht.

Aus heutiger Sicht erscheint es einem wie eine andere Welt oder ein anderes Zeitalter. Die sogenannte gute alte Zeit war in vieler Hinsicht weder schön noch gut. Der 1. Weltkrieg von 1914 bis 1918 schränkte den Betrieb in nahezu allen Vereinen drastisch ein. Am Ende des Krieges zählten beide Vereine 20 Mitglieder, die nicht mehr heimkehrten.

Das Kaiserreich war Vergangenheit, der Turnbetrieb blühte verstärkt in beiden Vereinen wieder auf. Die Turngesellschaft und der Arbeitnehmerturnerbund konnten sich unter den neuen politischen Verhältnissen wieder frei entfalten. Die sportlichen Aktivitäten wurden erweitert. Neben der herkömmlichen Leibeserziehung und dem Turnen wurde im Turnverein eine Spiel und Sportabteilung gegründet. Dies war die Geburtsstunde der Bischofsheimer Handballer und geschah im Jahr 1920. Gleichzeitig wurde eine Frauen Turnabteilung gegründet. Der Sportplatz am Wald wurde durch ein Handballspielfeld erweitert.

Die Turngesellschaft schloß sich 1927 mit dem Fußball Sportverein zusammen, der in dieser Zeit auch Mitglied des Arbeiterturn und Sportbundes geworden war.

Der Turnverein erstellte in den 20er Jahren die erste vereinseigene Turnhalle auf einem 1400 m² großen Grundstück in der Jahnstraße in Bischofsheim, das der Turnverein von seinem Mitglied Lehrer Walzer erworben hatte. Zum ersten mal in der Bischofsheimer Geschichte stand damit den Sportenthusiasten für Saalsport ein geeigneter Übungsraum zur Verfügung, den Bischofsheimer Bürgern ein Saal für Festlichkeiten, den Bischofsheimer Schulkindern ein Übungsraum zum Turnen und Spielen.

43 Jahre nach Gründung eines Turnvereins hatte man ein eigenes Dach über den Kopf. Die Einweihung fand 1929 statt. Beim Bau haben die Mitglieder viel durch Selbsthilfe geleistet. Der Wirtschaftsbetrieb wurde in eigener Regie betrieben. Das Kinderturnen wurde ebenfalls eingeführt und schon bald gehörten mehr als 200 Kinder dem Verein an. Ein Zeichen dafür, daß Eltern und Kinder neben dem herkömmlichen und natürlichen Spieltrieb eine durch qualifizierte Übungsleiter garantierte Leibeserziehung anstrebten.

Dann kam das nächste Schicksalsjahr 1933 mit der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus. Es galt nur noch die von oben verordnete Meinung. Die Turngesellschaft wurde aufgelöst, ihr Vereinseigentum beschlagnahmt. Damit wurden neue gesellschaftspolitische Gräben aufgeschüttet, Arbeitslosigkeit und Hunger taten ein Übriges und das Zusammenleben wurde sehr harten Belastungen ausgesetzt. Im Reichsbund für Leibesübungen wurden fast alle Sportvereine zusammengefaßt und gleichgeschaltet. Die vormilitärische Ausbildung in Schulen und Vereinen wurde Pflichtfach.

1939 begann der 2. Weltkrieg, der den Sport und Spielbetrieb der Erwachsenen nahezu lahmlegte. 1941 erfolgte der nächste schwere Schlag. Bei einem Bombenangriff wurde die Turnhalle durch Brandbomben fast vollständig vernichtet.

Mit der Vernichtung der Turnhalle sind auch alle schriftlichen Vereinsunterlagen verbrannt, so daß Chroniken nur noch aus mündlichen Überlieferungen und Erinnerungen erstellt werden konnten. Dabei kann es natürlich vorkommen, daß die Erzähler Daten und Fakten nicht mehr in der richtigen Reihenfolge zusammenbekamen. Es liegt in der Natur der Sache, wenn in dieser Chronik einige Daten nicht in der richtigen Reihenfolge genannt sind.

Ein provisorischer Unterricht in der alten Schule wurde für die Turninteressierten von H. Henkel und Friedrich Schmidt durchgeführt. Nach dem Zusammenbruch im Jahr 1945 kam der gesamte Vereinsbetrieb in Deutschland zum erliegen.

 

 Durch Beschluß der Alliierten wurden alle Vereine aufgelöst. Der 2. Weltkrieg hat die Zahl der Toten aus der Turnerschaft gegenüber dem 1. Weltkrieg um ein Mehrfaches übertroffen. Die entstandenen Lücken waren kaum zu schließen.

Nachdem die Amerikaner die Verbotsbestimmungen lockerten, fanden sich sportinteressierte Männer aus Bischofsheim zusammen und gründeten die Sportgemeinschaft Bischofsheim , kurz SG genannt. Als erster Vorsitzender fungierte Wilhelm See. Aber schon 1948 brach dieses künstliche Gebilde wieder auseinander, die Fußballer wollten wieder ihren eigenen Verein.

Der Turnbetrieb ging trotz aller Widrigkeiten weiter. Zuerst im Saal der alten Schule, dann in einer Schreinerwerkstatt unseres Mitglieds W. Velte und danach in einer von der Gemeinde beschafften Baracke in der Jahnstraße, die auf dem Gelände der abgebrannten Turnhalle aufgestellt worden war. Zwischen dem Turnverein und der Turngesellschaft bestand trotz SG nur eine lose Verbindung. Aber die beiden alten Vorstände hatten das Bestreben zusammenzukommen mit dem Ziel, einen einzigen Turnverein in Bischofsheim ins Leben zu rufen. Nur wer die deutschen bürokratischen Irrwege kennt kann ermessen welche Berge von Schwierigkeiten sich beide Vorstände entgegenstellten. Protokollauszüge vergangener Zeiten wurden benötigt, Löschung und Neueintragung im Vereinsregister und Grundbuch des Amtsgerichtes, Versammlungsbeschlüsse, all das erfordert Geduld, nochmals Geduld und gute Nerven.

In der Mitgliederversammlung beider Vereine am 11.01.1953 vollzogen die beiden Vorsitzenden Wilhelm See und Jean Walzer durch einen symbolischen Handschlag den Zusammenschluß von Turngesellschaft und Turnverein. Beiden Vorständen gebührt für diese vernünftige Lösung Dank und Anerkennung.

Die Turnerschaft 1886 Bischofsheim e.V. war aus der Taufe gehoben.

Politische Verhältnisse und Interessen spielten fortan keine Rolle mehr im Vereinsleben und die Satzung verbietet dies auch ausdrücklich. Alle nachfolgenden Vorstände fanden und finden das gut und richtig.

Die erste gewaltige Hürde war mit dem Zusammenschluß überwunden, da ging es an die zweite, selbst erbaute Hürde. Der Verein wollte (oder besser gesagt mußte) sich wieder ein eigenes Haus schaffen. Leicht gesagt, aber wovon und womit sollte gebaut werden? Hier muß man den ungebrochenen Optimismus des damaligen 1. Vorsitzenden Wilhelm See nennen, der trotz kaum vorhandener Barmittel, nur mit einem Bauplatz ausgestattet, ans Werk ging. Jedem der rechnen konnte wurde schwarz vor Augen, wenn er den Finanzierungsplan und als Endergebnis eine fertige Halle mit Bühne und Wirtschaftsgebäude sah.

80 Prozent der Zeit der Vorstandssitzungen beinhalteten nur Finanzfragen und Probleme, wo bekommen wir Geld für die nächsten Hohlblocksteine, für den notwendigen Koks, für sonstiges Baumaterial her, von der Beschaffung der Mittel für die einzelnen Abteilungen, Anschaffung von Sportgeräten, Bällen, Trikots ganz zu schweigen. Zwar halfen Gemeinde, Kreis, Land Hessen und der Sport Toto, aber das reichte vorn und hinten nicht. Ein Gedicht eines Mitglieds des damaligen Vorstandes kann nur im entferntesten wiedergeben, wie es damals um die Turnerschaft stand:

Sparsamkeit ist die Parole,

Sparsamkeit von Strom und Kohle,

Sparsamkeit an jeder Stell,

so predigt uns

Herr Herrmann Knöll

Studienrat H. Knöll bekleidete zu diesem Zeitpunkt das Amt des 2. Schriftführers. Die Halle wurde gebaut, die Hypotheken erreichten mit über DM 110.000 nahezu die Dachhöhe, dazu kamen die Folgekosten. Aber und das grenzt schon an ein Wunder, die Turnerschaft konnte wieder einen ordnungsgemäßen Turnbetrieb aufnehmen und die Bischofsheimer Vereine hatten wieder einen schönen Saal für Veranstaltungen zur Verfügung. Auch die Bischofsheimer Schuljugend hatte wieder ausreichend Übungsmöglichkeiten.

Am 3. November 1956 fand die feierliche Einweihung statt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Turnerschaft ca. 300 Mitglieder, bestehend aus Erwachsenen und Jugendlichen. Der damalige monatliche Beitrag betrug DM 0.30 für Jugendliche und DM 0.80 für Erwachsene. Damit konnten keine großen Sprünge gemacht werden und die Turnerschaft war auch im Bischofsheimer Vereinsleben immer der Vorreiter, wenn es um eine Beitragserhöhung ging. Wir mußten das u.a. auch damit begründen Eigentum verpflichtet und die Halle kostet Geld . Erst kurz bevor wir 1974 Stadt Maintal wurden, hatte man im Bischofsheimer Rathaus ein Einsehen.

Mit einem gewaltigen Ruck wurde die Schuldenlast auf ein erträgliches Maß reduziert. Der Vorstand konnte sich endlich Zeit für seine eigentlichen Aufgaben nehmen, den Sportbetrieb zu lenken und zu leiten. Ein Tonnengewicht ist uns damals vom Herzen gerutscht.

Die Turnerei im alten Stiel gibt es nicht mehr. Der heutige Mensch wünscht mehr beschäftigt zu werden. Ausnahmen bestätigen, wie immer, diese Regel. Das hat auch bei uns zu Konflikten geführt, bei denen es immer hoch herging. Trotzdem, oder gerade deswegen, muß man sagen, die Vergangenheit hat dies klar bewiesen, im Vorstand der Turnerschaft herrschte und herrscht eine gewisse Kontinuität. Denn seit dem Zusammenschluß 1953 hatten wir bis zum heutigen Tag nur sechs Vereinsvorsitzende, in der Reihenfolge ihrer Amtszeit sind diese:

Wilhelm See 1948 – 1961

Fritz Glaeser 1962 – 1968

Wilhelm Lambrecht 1969 – 1970

Willi Seipel 1971 – 1975

Rotraut See 1976 – 2005

Petra Ruppert 2006 –

Sport ist die schönste Nebensache der Welt. Dieser Satz ist sehr oft zu hören. Die Turnerschaft Bischofsheim ist ein typischer Verein, der den Breitensport auf einer sehr großen Ebene betreibt. Uns kommt es in erster Linie darauf an, Maintaler Bürgerinnen und Bürgern jeden Alters für die bei uns betriebenen Sportarten zu gewinnen. Wir sind der Überzeugung, dass Sport ist in der heutigen Zeit eine der besten Abwechselungen vom täglichen Einerlei und vom Streß, der im Beruf und in der Schule, aber auch im Haushalt auf jeden Einzelnen einwirkt.

Rückblickend auf sportliche Erfolge von Turnverein und Turngesellschaft sind drei Mitglieder zu nennen, die Bischofsheim bei Deutschen Turnfeste würdig vertreten haben:

1913 Herrmann Knöll Deutsches Turnfest in Leipzig

1938 Herrmann Knöll Deutsches Turnfest in Breslau

1948 Heinrich Henkel Deutsches Turnfest in Frankfurt/Main

Heinrich Firnges, der bei unzähligen Gebietsmeisterschaften dem Turnverein Bischofsheim Erfolge bescherte.

2009 Deutsches Turnfest in Frankfurt. Für 31 Turnerinnen der TSB wird es ein unvergessliches Ereignis bleiben. Sie sind Bestandteil des weißen Rahmens bei der Stadiongala.

In zwei Schulen in Bischofsheim werden fast 400 Gäste von über 120 Helfern der Turnerschaft betreut.